Geschichte der Artotheken (allgemein)
Aus: Sendung des WDR, 26. November 2002, 18:05 - 18:20 Uhr, Hier und Heute Reportage
Beuys zum Mieten
Eine Reportage von Dirk Braunleder
Die Geschichte der Artotheken ist schon recht alt. Das Wort "Artothek" ist eine lateinisch-griechische Wortschöpfung aus ars = Kunst (lat) und theke = Tisch griech.), also wörtlich "Kunst über den Tisch reichen".
Die ersten Gedanken, Kunstwerke an die Bevölkerung auszuleihen, stammen in Deutschland aus den Anfängen des 20. Jahrhunderts. In den USA, England oder Skandinavien war diese Idee zu der Zeit schon länger bekannt.
Bei uns trug in den ersten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts ein Übermaß an Initiativen von Künstlern und Mäzenen dazu bei, dem Gedanken des Kunstverleihs praktikable Formen zu verleihen: es entstanden so genannte Leih-Museen, Kunst-Vermietungen, Abonnenten-Zirkel, immer begleitet von bemerkenswerten Ausstellungen. Die Idee bekam für einige Jahre Gestalt, da sie selbstverständlich auch bei der ständig anwachsenden Schar der individuell arbeitenden Künstler große Unterstützung fand, und zudem die allgemeine Diskussion über den Wert der Kunst einen breiten Stellenwert in der Gesellschaft hatte.
Die Nationalsozialisten mit ihrem intoleranten und pervertierten Verständnis von Kunst beendeten im dritten Reich die Aktivitäten, Artotheken und jegliche Kunst-Zirkel abseits der politisch definierten, "arischen Kunst" wurden als "Brutstätte entarteter Kunst" verboten.
Zu Beginn der siebziger Jahre kam die Renaissance: in der Bundesrepublik schossen Artotheken wie Pilze aus dem Boden, nachdem man in der damaligen DDR schon früher begonnen hatte. Wohl als gedankliches Anhängsel der 68er Bewegung ging es nun auch im Westen erneut darum, Kunst unters Volk zu bringen, um sie damit auch sozial Schwächergestellten privat zugänglich zu machen.
Dies ist auch heute die eigentliche Aufgabe der Einrichtung: nirgendwo sonst kann man so vielfältig und preiswert aus dem Kunstangebot schöpfen, um sich dann ganz privat in den eigenen vier Wänden damit auseinanderzusetzen.
Die Kunstbestände der rund 130 Artotheken in Deutschland sind vielfältig und von hoher Qualität. Die meisten besitzen Originalgraphiken, aber auch Unikate sind nicht selten. Die Leihfristen differieren je nach Ort, die Leihgebühren ebenso, sind aber immer - gemäß des sozialen Anspruchs - erschwinglich. So kostet zum Beispiel in Erftstadt die Ausleihe eines Kunstwerks bescheidene 3,50 Euro für acht Wochen.
Einen Überblick über alle deutschen Artotheken gibt es unter www.artothek.org.
Dort kann man sich nach der Adresse der nächstliegenden Artothek erkundigen oder im Einzelfall über das Angebot informieren. Leider verfügen noch nicht alle Artotheken über eine eigene Homepage. Der junge Artothekenverband Deutschland (gegründet 2000) ist hier ständig um Verbesserung bemüht.
(zitiert nach Gisela Baumann-Hille, Erftstadt)
